Wargames lassen sich nicht nur als Analyse- oder Trainingsinstrument verstehen, sondern als methodischer Zugang zur Untersuchung internationaler Beziehungen, internationaler Sicherheitspolitik und strategischer Entscheidungsprozesse in diesen Kontexten. Sie machen Interaktion, Unsicherheit und Entscheidungslogiken in kontrollierten Umgebungen sichtbar und eröffnen damit neue Perspektiven für die Forschung.
Dies ist eine gekürzte und ins Deutsche übersetzte Version eines in Kürze in der Zeitschrift für Außen- und Sicherheitspolitik erscheinenden Beitrags von Philip Jan Schäfer und Joseph Verbovszky.
In einer zunehmend komplexen und von Unsicherheit geprägten sicherheitspolitischen Umwelt gewinnen Methoden an Bedeutung, die strategisches Entscheidungsverhalten unter realitätsnahen Bedingungen untersuchbar machen. Wargames bieten hierfür einen eigenständigen Zugang. Sie ermöglichen es, Interaktion, Unsicherheit und Entscheidungsprozesse in kontrollierten, aber dynamischen Kontexten zu analysieren und damit Einsichten in strategisches Handeln zu gewinnen, die mit klassischen empirischen Methoden nur schwer zugänglich sind.
Wargames lassen sich als regelbasierte, interaktive Simulationen verstehen, in denen menschliche Akteure auf Grundlage begrenzter Informationen Entscheidungen treffen und auf die Handlungen anderer reagieren. Im Unterschied zu rein modellbasierten Simulationen steht dabei nicht die abstrakte Systemlogik im Vordergrund, sondern das Verhalten realer oder realitätsnah handelnder Entscheidungsträger. Dadurch entsteht ein methodischer Zwischenraum zwischen Experiment und Simulation, der sowohl kontrollierte Variation als auch komplexe soziale Dynamiken erlaubt (Perla & McGrady, 2011; Lin-Greenberg et al., 2022).
Gerade diese Verbindung macht Wargames für die Forschung in den Internationalen Beziehungen relevant. Sie ermöglichen es, Fragestellungen zu untersuchen, die sich empirisch kaum beobachten lassen, etwa Eskalationsdynamiken, strategische Interaktion unter Unsicherheit oder Entscheidungsprozesse politischer und militärischer Eliten. Dabei erzeugen Wargames keine Vorhersagen im engeren Sinne, sondern eröffnen strukturierte Möglichkeitsräume, in denen alternative Verläufe durchgespielt und Entscheidungslogiken sichtbar gemacht werden (Rubel, 2006).
Ihr Erkenntniswert liegt damit weniger in der Produktion generalisierbarer Gesetzmäßigkeiten als in der Analyse von Mustern, Mechanismen und Wechselwirkungen. Entscheidungen verändern im Spiel die Ausgangslage und erzeugen neue Zwänge, Risiken und Optionen. Auf diese Weise entstehen dynamische Prozesse, die reale strategische Konstellationen nachvollziehbar machen, ohne deren reale Kosten oder Konsequenzen zu verursachen. Wargames generieren damit eine Form von Wissen, die prozessual, kontextgebunden und eng an konkrete Entscheidungslogiken gekoppelt ist.
Gleichzeitig sind die Ergebnisse von Wargames nicht unabhängig von ihrem Design. Szenarien, Rollenverteilungen, Moderation und Adjudikationsmechanismen beeinflussen maßgeblich, welche Dynamiken entstehen und welche Erkenntnisse gewonnen werden können (Banks, 2024; Bartels, 2020). Wargames sind daher keine neutralen Instrumente, sondern bewusst gestaltete Erkenntnisräume, deren Aussagekraft eine transparente methodische Reflexion voraussetzt.
Unter bestimmten Bedingungen können Wargames experimentellen Charakter annehmen. Wenn Forschungsfragen klar definiert, Variablen gezielt variiert und Spielverläufe systematisch dokumentiert werden, lassen sich Unterschiede im Verhalten von Akteuren nachvollziehbar analysieren. Dennoch bleibt die Kontrolle stets begrenzt. Wargames bewegen sich in einem Spannungsfeld zwischen interner Validität, externer Generalisierbarkeit und realitätsnaher Abbildung komplexer sozialer Prozesse, ohne diese Dimensionen gleichzeitig vollständig erfüllen zu können (Booth & Reddie, 2024).
Gerade darin liegt jedoch ihre Stärke. Wargames ermöglichen die Untersuchung von Entscheidungsprozessen unter Bedingungen, die realen Situationen näherkommen als klassische Laborexperimente. Sie integrieren Unsicherheit, Zeitdruck, Interdependenz und soziale Dynamiken in ein gemeinsames analytisches Setting. Dadurch eröffnen sie einen empirischen Zugang zu strategischem Verhalten in Gruppen, zu institutionellen Logiken und zu den oft impliziten Annahmen, die Entscheidungen strukturieren (Hyde, 2015; Schechter et al., 2021).
Wargames sind damit weder bloße Simulationen noch klassische Experimente, sondern eine eigenständige Forschungsmethode. Ihr Beitrag liegt in der strukturierten Exploration komplexer Entscheidungsräume und in der Sichtbarmachung von Zusammenhängen, die sich in anderen methodischen Zugängen nur unzureichend erfassen lassen. In einer sicherheitspolitischen Umgebung, die zunehmend von Unsicherheit, Dynamik und Interdependenz geprägt ist, bieten sie einen wichtigen Baustein für die Weiterentwicklung strategischer Analyse.
Literatur
Banks, D. E. (2024). The methodological machinery of wargaming. International Studies Review, 26(1). https://doi.org/10.1093/isr/viae002
Bartels, E. M. (2020). Getting the most out of wargaming. Connections.
Booth, K., & Reddie, A. (2024). Analytical wargaming and design trade-offs. Journal of Strategic Studies.
Hyde, S. D. (2015). Experiments in international relations. Annual Review of Political Science, 18, 403–424.
Lin-Greenberg, E., Pauly, R., & Schneider, J. (2022). Wargaming for international relations research. European Journal of International Relations, 28(1), 82–109.
Perla, P., & McGrady, E. (2011). Why wargaming works. Naval War College Review, 64(3), 111–130.
Rubel, R. (2006). The epistemology of wargames. Naval War College Review, 59(2), 108–128.
Schechter, E., Sokolsky, R., & Johnson, D. (2021). Wargaming and its limits. RAND Corporation.