Im Kontext der sicherheitspolitischen Zeitenwende gewinnen neue Formen strategischer Analyse an Bedeutung. Wargames bieten einen strukturierten Zugang zu komplexen Entscheidungssituationen, machen Annahmen und Wechselwirkungen sichtbar und unterstützen dabei, strategisches Handeln unter veränderten Rahmenbedingungen besser zu verstehen.
Hinweis. Dies ist eine gekürzte Fassung eines in Kürze erscheinenden Beitrags von Philip Jan Schäfer und Joseph Verbovszky im Sammelband „Sicherheitspolitik nach der Zeitenwende. Herausforderungen, Trends und Perspektiven für Deutschland und Europa“.
Die sicherheitspolitische Zeitenwende markiert nicht nur einen politischen Kurswechsel, sondern auch einen kulturellen Möglichkeitsraum für neue Formen strategischen Denkens in Deutschland. Der russische Angriff auf die Ukraine 2022 und die vertieften Debatten über europäische Eigenständigkeit haben gezeigt, dass sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit nicht allein eine Frage von Ressourcen, Strukturen oder Institutionen ist. Sie ist auch eine Frage strategischer Imagination. Gemeint ist die Fähigkeit, Unsicherheit zu antizipieren, Alternativen zu durchdenken und mit Zielkonflikten produktiv umzugehen (Biehl, 2019; Giegerich & Terhalle, 2021).
In diesem Kontext gewinnen Wargames neue Bedeutung. Sie sind weit mehr als militärische Planspiele oder technische Simulationen. Im Sinne des Wargaming Handbuchs der Bundeswehr handelt es sich um safe to fail Umgebungen, in denen mindestens zwei durch menschliches Handeln geprägte Parteien in einer Konfliktsituation interagieren (Bundeswehr, 2023). Gerade darin liegt ihre Stärke. Wargames erzeugen keine Vorhersagen, sondern erfahrbare Möglichkeitsräume. Sie machen strategische Dilemmata sichtbar, legen implizite Annahmen offen und erlauben es, Handlungsoptionen unter Bedingungen struktureller Unsicherheit zu erproben (Perla & McGrady, 2011; Rubel, 2006).
Strategie ist dabei mehr als die rationale Abstimmung von Zielen, Mitteln und Wegen. Sie ist immer auch kulturell gerahmt. Sie muss nicht nur intern konsistent, sondern auch kontextuell anschlussfähig sein. Während klassische Planungslogiken vor allem auf formale Kohärenz setzen, ist strategisches Denken auf Deutung, Iteration und Kontextsensibilität angewiesen. Gerade in einer Zeit, in der Large Language Models und andere KI Systeme zunehmend in Analyseprozesse eingebunden werden, wird deutlich, dass syntaktische Korrektheit keine hinreichende Antwort auf semantische Komplexität ist. Wargames sind hier besonders wertvoll, weil sie formale Struktur mit bedeutungsbezogener Logik verbinden. Sie bringen Akteure, Narrative, Wahrnehmungen und Reaktionen in ein gemeinsames, interaktives Setting (NATO, 2022; Banks, 2024).
Damit sind Wargames nicht nur methodische, sondern auch epistemische Werkzeuge. Sie produzieren keine empirische Wahrheit im engen Sinn, sondern das, was Perla als narrative Ersatzgeschichten beschreibt. Gemeint sind kontrollierte Szenarien, in denen hypothetische Entscheidungen getroffen und ihre Folgen bewertet werden (Perla & McGrady, 2011). Ihre epistemische Stärke liegt daher nicht in Messbarkeit oder Prognose, sondern in der Sichtbarmachung von Mustern, Dilemmata und Reaktionslogiken. Gerade deshalb stehen sie qualitativen und explorativen Verfahren der Sozialforschung näher, als es ihre spielerische Oberfläche zunächst vermuten lässt (Rubel, 2006; Jensen & Banks, 2018).
Für die sicherheitspolitische Debatte in Deutschland ist das besonders relevant. Die deutsche strategische Kultur war lange von Zurückhaltung, Multilateralismus und einem starken Friedensethos geprägt (Biehl et al., 2013). Diese historische Prägung ist nachvollziehbar, erschwert aber bis heute die Entwicklung einer breiteren strategischen Urteilskraft. Wargames können hier eine produktive Rolle spielen, gerade weil sie nicht Krieg verherrlichen, sondern Unsicherheit reflektierbar machen. Sie sind keine Techniken der Militarisierung, sondern Räume, in denen Verantwortung, Legitimität, Risiko und Handlungsfähigkeit verhandelt werden können.
Das zeigt sich besonders deutlich in Formaten wie Entanglement, das vom German Wargaming Center entwickelt wurde. Solche Wargames zielen nicht darauf, Realität eins zu eins abzubilden. Ihre Leistung liegt vielmehr darin, komplexe Probleme in spielbare Designs zu übersetzen, die relevante Dynamiken freilegen und Akteuren helfen, sich auf das strategisch Entscheidende zu konzentrieren. Damit werden Wargames zu kulturellen Reflexionsräumen. Sie testen nicht nur Optionen, sondern auch Narrative, Rollenvorstellungen und institutionelle Routinen.
In einer sicherheitspolitischen Umgebung, die zunehmend durch hybride Bedrohungen, geoökonomische Abhängigkeiten und technologische Disruption geprägt ist, stoßen klassische Planungsinstrumente an ihre Grenzen. Wargames eröffnen hier einen ergänzenden Zugang. Sie erlauben es, nichtlineare Dynamiken zu durchdenken, Wechselwirkungen sichtbar zu machen und strategische Optionen unter realitätsnahen Bedingungen zu erproben. Gerade im Umgang mit Themen wie geoökonomischem Wettbewerb, kognitiver Einflussnahme oder disruptiven Technologien schaffen sie Erfahrungsräume, in denen strategische Entscheidungen nicht nur analysiert, sondern praktisch nachvollzogen werden können.
Die sicherheitspolitische Zeitenwende verlangt daher nicht nur nach mehr Ressourcen oder neuen Institutionen, sondern vor allem nach einer erweiterten strategischen Denkfähigkeit. Wargames leisten hierzu einen spezifischen Beitrag. Sie machen Unsicherheit erfahrbar, fördern Reflexion und ermöglichen kollektives Lernen unter realitätsnahen Bedingungen.
Strategische Handlungsfähigkeit beginnt dabei nicht mit perfekten Informationen oder vollständig ausgearbeiteten Plänen. Sie beginnt mit der Fähigkeit, die eigene Entscheidungslogik zu verstehen, Annahmen zu hinterfragen und alternative Handlungsoptionen zu denken. Genau hierfür bieten Wargames einen strukturierten, aber offenen Raum und werden damit zu einem zentralen Instrument strategischer Imagination in der Zeitenwende.
Literatur
Banks, D. E. (2024). The methodological machinery of wargaming. International Studies Review, 26(1). https://doi.org/10.1093/isr/viae002
Biehl, H. (2019). Sicherheits und Verteidigungspolitik in Deutschland. Zeitschrift für Außen und Sicherheitspolitik, 12(1), 11–24.
Biehl, H., Giegerich, B., & Jonas, A. (Hrsg.). (2013). Strategische Kulturen in Europa. Springer VS.
Bundeswehr. (2023). Wargaming Handbuch.
Giegerich, B., & Terhalle, M. (2021). Zeitenwende in der Sicherheitspolitik. Zeitschrift für Außen und Sicherheitspolitik, 14(4), 487–504.
Jensen, B. M., & Banks, D. E. (2018). Wargaming and the scientific method. Naval War College Review, 71(3).
NATO. (2022). Allied joint doctrine for the conduct of operations (AJP 01).
Perla, P., & McGrady, E. (2011). Why wargaming works. Naval War College Review, 64(3), 111–130.
Rubel, R. (2006). The epistemology of wargames. Naval War College Review, 59(2), 108–128.