Deutschland im Strategietest – Deutschland erprobt strategisches Handeln

Wargames liefern keine Prognosen, aber sie zeigen, wie Entscheidungen unter Unsicherheit tatsächlich entstehen. Der Beitrag macht sichtbar, warum strategische Handlungsfähigkeit weniger an Wissen als an Routinen, Narrativen und institutionellen Logiken scheitert.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei der Deutschen Atlantischen Gesellschaft / Opinions on Security und ist Teil unserer Arbeit am Wargaming Nexus.

https://ata-dag.de/opinions-on-security/deutschland-im-strategietest-deutschland-erprobt-strategisches-handeln/24367/

Das German Wargaming Center hat in zwei Jahren seit seiner Gründung mehrere ressortübergreifende und gesamtgesellschaftlich angelegte Wargames durchgeführt. Sie liefern weder Prognosen noch Vorhersagen. Ihr Wert liegt darin, Einblicke in Entscheidungsdynamiken, Kooperationsmuster und institutionelle Logiken unter komplexen und sich verändernden Rahmenbedingungen zu ermöglichen.

An den Simulationen nahmen Vertreterinnen und Vertreter aus Ministerien, Unternehmen, Sicherheitsbehörden, internationalen Organisationen und zivilgesellschaftlichen Einrichtungen teil. Auf Grundlage definierter Szenarien trafen sie Entscheidungen unter Zeitdruck und auf Basis unvollständiger Informationen. Entscheidungen verändern im Spiel die Ausgangslage und erzeugen neue Zwänge, Risiken und Handlungsmöglichkeiten. Daraus entstehen dynamische Wechselwirkungen, die reale strategische Prozesse nachvollziehbar machen, ohne deren unmittelbare Kosten oder Schäden zu verursachen.

Die „safe to fail“-Umgebung ist kein Nebeneffekt, sondern methodischer Kern. Fehler und Fehleinschätzungen werden sichtbar, ohne irreversible Konsequenzen nach sich zu ziehen. Scheitern kann produktiven Wert haben, weil es Annahmen offenlegt, Routinen hinterfragt und Anpassungsprozesse anstößt. Ziel ist nicht, im Spiel zu gewinnen, sondern Handlungsfähigkeit für reale Krisensituationen zu verbessern.

Die seit dem Aufruf „Krieg zu spielen“ durchgeführten Wargames zielten darauf ab, wiederkehrende Muster strategischen Handelns unter Unsicherheit sichtbar zu machen. Über unterschiedliche Themenfelder hinweg lassen sich mehrere übergreifende Befunde festhalten.

Strategisches Handeln findet dauerhaft unter Unsicherheit statt. Die sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen in Europa haben sich grundlegend verändert. Militärische Gewalt, geopolitische Rivalität, ökonomische Verwundbarkeit und hybride Einflussnahme überlagern sich. Strategische Unsicherheit ist keine temporäre Abweichung mehr, sondern strukturelle Konstante. Entscheidungen werden unter Bedingungen getroffen, in denen Informationen unvollständig, Zeitfenster begrenzt und Folgen nur eingeschränkt kalkulierbar sind.

Kooperation folgt institutionellen Logiken und nicht nur gemeinsamen Interessen. Akteure artikulieren gemeinsame Ziele, sichern zugleich aber ihre eigene institutionelle Handlungsfähigkeit ab. Entscheidungen folgen Mandaten, Zuständigkeiten, Rechenschaftspflichten und Ressourcenzwängen. Kooperation entsteht dort, wo institutionelle Logiken kompatibel sind, und bleibt fragil, wenn diese Kompatibilität fehlt. Wettbewerb und Abstimmung existieren parallel.

Narrative strukturieren Entscheidungsräume. Akteure bevorzugen Handlungsoptionen, die mit ihrem bestehenden Lageverständnis vereinbar sind. Optionen, die dieses Deutungsmuster infrage stellen, werden seltener gewählt, selbst wenn sie funktional sinnvoll erscheinen. Narrative definieren, was als plausibel, legitim oder notwendig gilt. Strategische Leistungsfähigkeit hängt daher auch von der Fähigkeit ab, eigene Annahmen zu reflektieren und anzupassen.

Sicherheit ist ein gesamtgesellschaftlicher Aushandlungsprozess. Strategische Handlungsfähigkeit ist nicht ausschließlich in staatlichen Institutionen verortet. Wirtschaftliche Akteure, Verbände und Betreiber kritischer Infrastrukturen übernehmen koordinierende oder stabilisierende Funktionen, oft nicht aufgrund formaler Mandate, sondern aufgrund zugeschriebener Kompetenz und Systemrelevanz. Der strategische Raum ist breiter und komplexer, als klassische Zuständigkeitslogiken nahelegen.

Selbstbeobachtung ist Teil strategischer Resilienz. Wargames zwingen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger dazu, unter Unsicherheit zu priorisieren, Risiken einzugehen und Zielkonflikte offen auszutragen. Implizite Annahmen und Routinen werden sichtbar. Strategische Resilienz entsteht nicht allein durch materielle Ressourcen, sondern auch durch die Fähigkeit zur kritischen Selbstreflexion.

Diese Befunde beruhen auf konkreten Simulationen in unterschiedlichen institutionellen Kontexten. Beim von WELT gemeinsam mit dem German Wargaming Center durchgeführten Wargame Ernstfall wurde eine Eskalation im Baltikum simuliert. Das Red Team agierte konsequent zielorientiert, mit hoher Geschwindigkeit und klarer Priorisierung. Anstatt auf politische Abstimmungsprozesse zu warten, nutzte es Zeitfenster, Mehrdeutigkeiten und prozedurale Verzögerungen gezielt aus. Auf diese Weise gelang es, militärische und politische Fakten zu schaffen, bevor auf der Gegenseite kohärente Gegenmaßnahmen eingeleitet werden konnten. Das Ergebnis fand öffentliche Aufmerksamkeit und wurde auch politisch kommentiert. Analytisch zentral war jedoch ein anderer Befund: Das Blue Team war mit erfahrenen Fachleuten besetzt, dennoch prägten institutionelle Routinen und Abstimmungslogiken die Reaktionsgeschwindigkeit maßgeblich. Die Verzögerung entstand weniger aus Informationsmangel als aus der Struktur kollektiver Entscheidungsprozesse.

Im Planspiel „Convergence“, durchgeführt von der Industrie- und Handelskammer Berlin gemeinsam mit dem German Wargaming Center, wurde Handlungsfähigkeit in einer sicherheitspolitischen Grauzone untersucht. Das Szenario blieb unterhalb formaler Eskalationsschwellen, erzeugte jedoch reale Belastungen für Infrastruktur, Logistik und gesellschaftliche Stabilität. In den frühen Spielphasen investierten die beteiligten Akteure vor allem in Koordination, Lagebildaufbau und institutionelle Anschlussfähigkeit. Operative Maßnahmen rückten erst dann in den Vordergrund, wenn konkrete Engpässe als systemkritisch identifiziert und kollektiv anerkannt wurden. Dabei zeigte sich, dass Handlungsfähigkeit nicht allein durch Hierarchien entsteht, sondern durch geteilte Annahmen darüber, was als wirksam, legitim und notwendig gilt. Auffällig war die Entwicklung der Industrie- und Handelskammer selbst, der im Verlauf des Spiels zunehmend eine koordinierende Rolle zugeschrieben wurde – nicht aufgrund formaler Mandate, sondern aufgrund von Erwartungsdynamiken anderer Akteure.

Im Planspiel „Entanglement Ostschild 2026“, durchgeführt im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung, stand die Zukunft europäischer Rüstungskooperationen im Mittelpunkt. Ausgangspunkt war ein strukturelles Kooperationsdilemma zwischen nationalen industriepolitischen Interessen und dem Anspruch auf kollektive europäische Handlungsfähigkeit. Zu Beginn dominierten multilaterale Initiativen und der Versuch, gemeinsame Projekte trotz politischer Spannungen voranzutreiben. Mit zunehmender Unsicherheit verschob sich jedoch die Logik des Handelns. Nationale Maßnahmen und bilaterale Absprachen gewannen an Gewicht. Unter wachsendem Zeitdruck priorisierten Akteure kurzfristige Handlungsfähigkeit gegenüber langfristiger Systemkohärenz. Sichtbar wurde ein wiederkehrendes Muster: Je höher der Druck, desto stärker die Tendenz, auf vertraute nationale Instrumente zurückzugreifen. Strategische Kohärenz erwies sich damit weniger als Frage formaler Bündnisse, sondern als Frage stabiler Erwartungsstrukturen und gegenseitigen Vertrauens.

Deutschland spielt keinen Krieg, um ihn zu führen. Deutschland nutzt Wargames, um strategisches Verhalten unter veränderten Rahmenbedingungen zu verstehen. Die Simulationen zeigen, dass strategische Handlungsfähigkeit weniger an fehlendem Wissen scheitert als an institutionellen Routinen, Erwartungsstrukturen und Entscheidungslogiken. Geschwindigkeit wird zum Machtfaktor. Kooperation bleibt fragil. Narrative begrenzen oder erweitern Handlungsräume. Sicherheit entsteht im Zusammenspiel staatlicher und nichtstaatlicher Akteure.

Wargames liefern keine fertigen Handlungspläne. Sie schaffen einen Raum, in dem Annahmen überprüft, Routinen sichtbar und Entscheidungsprozesse unter Unsicherheit erprobt werden können. In einer Umgebung, in der Unsicherheit zur Dauerbedingung geworden ist, wird genau diese Fähigkeit zur strukturierten Selbstprüfung zu einer strategischen Ressource. Strategische Handlungsfähigkeit beginnt nicht mit perfekten Informationen, sondern mit dem Verständnis der eigenen Entscheidungslogik.

Philip Jan Schäfer · Joseph Verbovszky